
Worte, geschrieben während einer Exkursion.
Winter, 2008
„Es ist Dienstag, 12 Uhr 30. Wir sitzen in einem Vortragsraum des Karl-Marx-Hauses in Trier. 25 ahnungslose Studenten aus Bielefeld und Trier und drei Professorinnen, die sich so gut wie alleine unterhalten.
Willkommen zur Exkursion zum Thema „Literatur und Theater in der DDR“.
Wenn ich denn mal zuhöre, verstehe ich kein Wort. Es fallen Namen, Daten, Titel von Theaterstücken, die ich nicht kennen kann. Auch über die ganzen Insider-Witze kann ich nicht lachen – sowie meine Kommilitonen auch. Es ist fast schlimmer als damals in Nottbeck. Da ging es noch um Interpretationen, da kann jeder mitreden. Der Wissenshorizont der Dozenten und der, der Studenten war damals zwar ebenfalls unterschiedlich, aber heute trennen uns ganzen Mauern des (Nicht-)Wissens. Mir fehlt eindeutig der geschichtliche Teil. Ich bin wegen Germanistik hier, aber das scheint mir eher ein Historiker-Kongress zu sein.
Mir ist sogar so langweilig, dass ich das hier aufschreibe!
Notiz an mich: Nie wieder an einer geisteswissenschaftlichen Exkursion teilnehmen!
Dieses selbstbeweihräuchernde Zusammentreffen der drei Expertinnen ist unerträglich. Es gibt kaum kontextuelle Einbettung, die Referate, die zur Einführung ins jeweils neue Thema dienen sollen, werden heruntergeleiert wie aufgetragene Strafarbeiten. Es wird einfach vorausgesetzt, dass wir alles wissen. Jedes historische Detail, jeden Zusammenhang. Prof. Dr. G., Prof. Dr. C. und die breitmäulige S. werfen sich ihre Medizinbälle des Wissens zu und machen es anderen schwer in die Diskussion mit einzusteigen. Das ganze ist ein Trauerspiel, irgendwo zwischen geheucheltem Interesse und purer Zeitverschwendung.
Nun ja, falscher Studiengang, würde ich mal sagen. Jetzt, heute, an diesem Punkt weiß ich es genau. Besonders die Realitätsferne langweilt mich. Das Wühlen in der Vergangenheit, dieses Aufwirbeln von Bibliotheksstaub (womöglich noch Asbest) und die Erkenntnis, dass wenn der Staub sich gelegt hat, nichts als heiße Luft übrig bleibt.
Noch zwei Semester bis zur Bachelor-Arbeit!
15 Minuten später.
Erst 15 Minuten??!!
Um diese Szene mit einer Metapher zu beschreiben: In einer Folge South Park versucht der Star-Anwalt Johnnie Cochran die Jury von der Unschuld von Chef-Koch zu überzeugen und benutzt zum „Vergleich“ Chewbacca. Dieser Vergleich ist so abstrus, dass einem Mann aus der Jury spontan der Kopf explodiert. Ich fühle mich gerade wie dieser Mann.
„Schatz, wenn du das hier liest, ist mein Kopf schon explodiert.“
Meine Unwissenheit belustigt mich nicht, noch macht sie mich traurig.
Wie die drei mit dicken Wissensbrocken um sich schmeißen, sie aufdröseln und sich darin suhlen wie dicke Säue… es ist so abstoßend, wie es klingt.
Wir armen, unbedeutenden Geisteswissenschaftler. Wir sind nur dazu da um weitere Klone von uns zu produzieren.
12.58. Der erste Teil neigt sich dem Ende.
Mittagspause.
Heute nur einen Salat, bitte! Oder doch dieses prächtige Toast? Hauptsache nicht zu fett! (Keinen Salat gegessen, Hunger auf Nudeln Bolognese gehabt.)
Ich friere vor Lustlosigkeit. Mein Körper läuft auf Sparflamme, verdaut wohl immer noch die vielen Kohlenhydrate. Viel Blut bleibt da eh nicht fürs Gehirn übrig. Gibt es hier noch ein Ende? Die schreckliche Nachricht lautet: NEIN!
Denn Geisteswissenschaftler können, ja, dürfen ein Thema nicht zu Ende diskutieren! Wehe es fällt ein abschließendes Wort! Es kann kein Ende geben, wenn man nicht alle 100 Bedeutungen eines Satzes untersucht hat und das wird man auch niemals schaffen. Warum auch? Würde den Geisteswissenschaftler ja überflüssig machen.
Im großen Puzzle der Geisteswissenschaften fehlt immer ein Stück – oder schlicht und einfach eine Vorlage.
Krönung der vormittaglichen Sitzung: die „demokratische“ Abstimmung über das Ende der Mittagspause. Mit eindeutiger Mehrheit (vier von 25 Studenten) wurde das Ende der Mittagspause auf 14 Uhr 30 angesetzt. Peinlich berührt über das eigene Unvermögen zu zählen, wird das Ende jedoch auf 15 Uhr verschoben…“
Verfasst von Maggi
Verfasst von Maggi
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